Rede von Ute Teschemacher (Gründungsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde), 16. Mai 2010

Geschichte der Emmendinger Jüdischen Gemeinde

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freunde,

Hitler und die Nazis hatten ihr Ziel in Emmendingen erreicht!

Emmendingen war judenfrei.

Zwar kam kurz nach Ende des Krieges Rolf Weinstock zurück, aber er lebte nicht mehr lange. Er konnte sich von den Leiden in den verschiedenen Lagern nicht mehr erholen.

Erst in den 70er und 80er Jahren siedelten sich wieder Juden in Emmendingen an.
Nur 4 aber immerhin!

Diese waren auch die ersten, die dann jeweils am 9. November zusammen einen Kranz an der Gedenktafel niederlegten. Ohne Reden, ohne Zuschauer, nur in stillem Gedenken.

1988 änderte sich dieses Bild. Die Stadt hatte ihre Juden eingeladen. Die Juden, die in Emmendingen gelebt und den Holocaust durch Flucht überlebt hatten. Emmendingen war aufgewacht, hatte mit der Gedenktafeldiskussion für viel Wirbel in ganz Deutschland gesorgt und diese Tafel ist bis heute einzigartig.

Der Boden war bereitet für eine neue Jüdische Gemeinde in Emmendingen, aber es gab zu wenig Juden.

Und genau da kam uns die Vereinigung von Bundesrepublik und DDR zu Hilfe. Die DDR hatte Anfang 1990 zuerst den Juden aus der ehemaligen Sowjetunion die Aufnahme in die DDR angeboten. Nach der Vereinigung übernahm nun die gesamtdeutsche Bundesregierung diese Regelung.

Und Sie kamen. Zum großen Glück für die bereits bestehenden jüdischen Gemeinden in Deutschland!

Zu diesem Zeitpunkt belief sich die Zahl der Juden in Deutschland auf ca. 27 000 und die meisten waren in einem hohen Alter. Nun kamen viele Familien und die Jüdischen Gemeinden wuchsen. Das war keineswegs einfach, und es entstanden viele Probleme, doch darauf werde ich später noch eingehen.

Die Juden, die in Emmendingen lebten, gehörten zur Freiburger Gemeinde, doch diese konnte die Aufgaben bald nicht mehr zufriedenstellend bewältigen.

55 Jahre nach der Deportation der letzten Emmendinger Juden nach Gurs und von dort aus weiter in die Vernichtungslager wurde eine neue Jüdische Gemeinde in Emmendingen gegründet.

Am 12. Februar 1995. Die Feier war in der Steinhalle. Ignaz Bubis sel.A. , Vorsitzender des Zentralrats sowie Innenminister Frieder Birzele und Rabbiner Soussan gaben uns die Ehre ihrer Teilnahme. Unsere Gründung stieß beileibe nicht auf große Freude bei allen Juden. Der Oberrat anerkannte uns nicht. Es gab für eine Zeit 2 Oberräte in Baden. Wir und damit auch die Stadt Emmendingen wurden in der nationalen und internationalen Presse ins Rampenlicht gerückt.

Doch auch das ging vorüber. Nach etwa eineinhalb Jahren bei der ersten Verhandlung des neu gegründeten Jüdischen Schiedsgerichts wurden wir als rechtmäßige Jüdische Gemeinde anerkannt.

Davor hatten wir nur das Geld, welches die Mitglieder bezahlen konnten, und hier nochmals meinen herzlichen Dank an den Gemeinderat, der uns am Anfang finanziell unterstützt hat.

Wir starteten mit 74 Personen und betreuen bis heute die Landkreise Emmendingen und Ortenau mit z.Zt. ca. 360 Menschen.

Es gab mehrere Stationen

Das erste Büro bezogen wir 1995 im Lenzhäuschen.

ab 1998 arbeiteten wir im Dachgeschoss des Jüdischen Museums und

ab 1999 im ehemaligen Gemeindehaus der früheren Jüdischen Gemeinde.

Und ebenfalls 1999 kam die Synagoge in der Landvogtei hinzu.

Wie es überhaupt dazu kam sind besondere Geschichten, die die Hilfe der Stadt für die Jüdische Gemeinde dokumentieren. Doch würde es zu weit führen, hier in Einzelheiten zu gehen. Das Wichtigste aber waren für uns die Menschen.

 

Eine Studie besagt, dass eine Migration ebenso viel psychischen Stress verursacht, wie der Verlust eines eigenen Kindes.

Mein Respekt und meine Hochachtung gebührt all den Menschen, die diesen Schritt auf sich genommen haben. Dies gilt immerhin für über 90% unserer Mitglieder.

Migration nach Deutschland bedeutete nicht nur einen einfachen Umzug.

Es war der Wechsel in ein völlig neues politisches System, bedeutete Auseinandersetzung mit dem Judentum, das in der Sowjetunion verboten war, bedeutete eine neue Sprache mit neuer Schrift zu lernen und den Verlust der Heimat hinzunehmen, mag sie auch noch so problembesetzt gewesen sein.

Die Aufgaben einer Jüdischen Gemeinde in Deutschland beschränken sich nach wie vor nicht nur auf die Religion. Integration ist eine sehr wichtige Aufgabe geworden. Das gilt auch für Emmendingen.

Migranten, die zu uns kommen, werden zunächst im Übergangswohnheim der untergebracht, 4 qm pro Person. Wir haben die Betreuung dort übernommen und besuchen am ersten oder zweiten Tag die Neuzuwanderer.

Wie Sie alle wissen, gibt es viel zu regeln, Behördenbesuche, Anmeldung bei der Krankenkasse, Sprachkurs, Einrichtung eines Bankkontos, um nur wenige Dinge zu nennen. Und wir müssen sofort mit der Wohnungssuche beginnen, denn jüdische Migranten dürfen nur 6 Monate im Übergangswohnheim bleiben.

In den letzten 15 Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation in Deutschland.

Doch trotzdem gibt es viele Erfolgsgeschichten in der Jüdischen Gemeinde. Menschen, die auch nach 100 erfolglosen Bewerbungen nicht aufgaben und bei der 140.sten erfolgreich waren. Menschen, die völlig neue Ausbildungen oder Studien absolvierten, Menschen eben, die hier angekommen und mit ihrem Leben zufrieden sind. Kinder, die gute Schulabschlüsse machen und hier einen Ausbildungsplatz haben oder studieren. Menschen, die inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben und sich Eigentum geschaffen haben.

Aber es gibt auch diejenigen, deren Erwartungen nicht erfüllt wurden. Diejenigen, die die Sprache nicht gut lernten, diejenigen, die keinen Arbeitsplatz gefunden haben. Manche sind hier in Deutschland nicht wirklich angekommen. Sie leben mit einem Bein in ihrer alten Heimat und mit dem anderen eben in Deutschland.

Mit all den Problemen, die ich nur kurz anreißen kann, und die beileibe nicht vollständig aufgeführt werden können, ziehen wir trotzdem eine positive Bilanz in Emmendingen.

Wir bieten seitens der Gemeinde viele Hilfen an. Unser Sozialbüro ist stets gut besucht. Wir tun unser Möglichstes, doch das ist für manche leider nicht genug.

Und dann das Judentum!

Viele Menschen besuchten in Emmendingen zum ersten Mal in ihrem Leben einen G`dienst. Doch ebenso viele waren auch bereit sich mit ihrer jüdischen Herkunft auseinanderzusetzen. Wir versuchen denjenigen, die es wollen, in der Synagoge und in der Gemeinde eine neue Heimat zu geben. Es haben sich viele Freundschaften gebildet, viele fühlen sich dem Judentum zugehörig und sind froh, gemeinsam die Jüdischen Feiertage zu feiern.

Wir sind eine fröhliche Gemeinde mit vielen Festen mit Musik und Tanz.

 

Und noch ein persönliches Wort zum Schluss: Klaus und ich, wir haben mit den Mitgliedern zusammen diese Gemeinde aufgebaut. Wir haben überwiegend positive Erfahrungen gemacht und viel dazugelernt. Man kann sagen, wir sind mit einigen zu einer Mischpoche geworden, zu einer Verwandtschaft.

Am 09. Mai waren Neuwahlen und ich habe mich nicht mehr als 1. Vorsitzende zur Wahl gestellt. Nur im Oberrat werde ich die Gemeinde weiterhin vertreten. Dem neuen Vorstand wünsche ich viel Kraft, Mut und Durchhaltevermögen!!

Ich wünsche Ihnen Allen ein herzliches Schalom

(Rede anlässlich der 6. Tschechischen Kulturtage, Steinhalle Emmendingen)

 


© 2003 Jüdische Gemeinde Emmendingen K.d.ö.R